Start Pressespiegel 2019-09-08 HBC in Loucim/ CZ

2019-09-08 HBC in Loucim/ CZ

 

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Hoherbogenchor in Loucim zur Glockenweihe am 08.September 2019

Neukirchen b. Hl. Blut/Loucim. Außergewöhnliche Ereignisse verdienen besondere Beachtung und gipfelten am Sonntagnachmittag unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der Segnung der neuen Glocke für die Kirche der Geburt der Jungfrau Maria in Loucim.

 

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Zahlreiche Gäste beteiligten sich am Umzug zur Kirche zur Segnung der neuen Glocke

 

Pfarrei und Marktrat in Neukirchen b. Hl. Blut hatten vor zwei Jahren beschlossen, der Pfarrei Kdyne und der Gemeinde Loucim zum Auftakt des Wallfahrts-Jubiläums drei geschichtsträchtige Kupferbarren für die neue Glocke zu spendieren. Somit wurde mit dem Patroziniums-Tag das Jubiläumsjahr „600 Jahre Gnadenbild und 300 Jahre Wallfahrtskirche Neukirchen b. Hl. Blut“ im wahrsten Sinn des Wortes eingeläutet. Vom Sportplatz in Loucim führte der gemeinsame Umzug zur nahen Kirche, wo Pfarrer Miroslav Kratochvil und Bürgermeisterin Jana Dirriglova die Gäste aus Neukirchen sowie zahlreiche Bürger von Loucim und Umgebung zur Glockenweihe willkommen hießen. Der Priester ging auf die Einmaligkeit dieses Ereignisses ein und sieht in der neuen Glocke nicht nur ein Musikinstrument, das aus Körper und Herz besteht.

 

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Vikar Gierga segnet die große 415 Kilogramm schwere Glocke

 

Vielmehr vermittelt sie uns das Gefühl, dass sie etwas in sich hat was uns näher bringt und verbindet und dass dies mit der Verkündigung von Freude und Trauer verbunden ist und unserem Dasein Bedeutung und Ordnung gibt. Diese neue Glocke in Loucim gibt mit ihrem Klang wieder, was wir im Herzen spüren: sie begleitet uns zum Frühgebet, zum Mittag, im Schlaf, beim Gottesdienst aber auch zu traurigen Anlässen.

 

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Pfarrer Kratochvil testet den Klang der neugeweihten Glocke

 

Eine Glocke gehört zu unserem Leben und soll uns im Herzen Freude machen und darin klingen. Monsignore Kratochvil dankte allen Beteiligten für ihre Mithilfe und Vorbereitung und stellte den Glockenmacher Michal Votruba aus Südböhmen vor, der mit der Anfertigung im Januar 2019 begann. Besagte Glocke wurde am 1. Mai, also am Tag der Chodenwallfahrt gegossen. In den letzten Wochen wurde das klangreine Kunstwerk erst fertiggestellt und ist auf den Ton B1 gestimmt, der akustisch bestens mit dem Ton C2 der bestehenden Glocke harmoniert. Oben trägt die neue Glocke die Aufschrift „Zum Andenken an die Übertragung der gnädigen Statue der Lautschimer Jungfrau Maria in den Bayerischen Wald, in das heutige Neukirchen, gespendet von den Pfarrangehörigen“. Den Glockensaum ziert die Inschrift „Gefertigt von Michal Votruba in Myslkovice Loucim 1419-2019 zu Ehren der gesegneten Jungfrau Maria und des Hl. Martin“.

 

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Glockenmacher Michal Votruba aus Südböhmen ist ein Meister seines Werkes und schuf die Glocke

 

Bürgermeisterin Jana Dirriglova richtete ihre Willkommensgrüße an die Vertreter der Kirche und Kommune aus beiden Ländern und dankte im Besonderen dem Initiator Monsignore Miroslav Kratochvil, der von der Umsetzung der ersten Idee bis zur Platzierung im Kirchenturm alles realisiert hat. Die agile Rathauschefin zog das Interesse der Zuhörer durch das Verlesen einer Abschrift aus der Gemeindechronik von 1942 auf sich. Darin hieß es, dass der 30. März für die Gläubigen ein trauriger Tag war, an dem zwei Glocken entfernt wurden. „Das was der grausame Krieg genommen hat, haben Menschenherzen ersetzt, Mutter Gottes bitte für uns“ stand auf jener, die der Heiligen Maria geweiht war. Die kleinere Sterbeglocke trug die Aufschrift „Heiliger Wenzel, Schutzpatron des tschechischen Landes schütze Loucim vor allem Bösen“. Nur die Glocke, die den Namen „Martin“ trägt, ist in der Kirche geblieben. Heute sind wir froh, dass wir eine neue Glocke bekommen haben und dankbar, dass wir uns in Frieden die Hand reichen mitten in einem sicheren Europa, in einer grenzüberschreitenden Region und zusammen auf einem wunderschönen Stück Erde leben, zeigte sich Jana Dirriglova glücklich. Nach der Weihe des gewichtigen Kunstwerkes mit einem Durchmesser von 88 cm durch Vikar Gierga aus Domazlice durften einige Ehrengäste den Klang der 415 Kilogramm schweren und 120 cm hohen Glocke mit einem Hammer testen, ehe Bürgermeister Markus Müller aus Neukirchen b. Hl. Blut den Zuhörern die Historie zum Gussmaterial näher brachte.

 

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Glockenschlag durch Bürgermeister Markus Müller

 

Im August 2017 gratulierte eine Delegation aus dem bayerischen Wallfahrtsort an der Grenze der Gemeinde Loucim zum 660-jähren Jubiläum und überbrachte als Geschenk drei Kupferbarren zu je 110 Kilogramm – zusammen also passende 660 Pfund. „Heute dürfen wir sehen, dass aus diesen Kupferbarren eine wunderschöne Glocke geworden ist – und wie schön sie klingt“ schwärmte der Bürgermeister. Unter den Gästen begrüßte er den Altbürgermeister von Michelsneukirchen, Hubert Kerscher, ganz besonders, denn ihm ist die Schilderung der näheren Umstände, wie das Kupfer nach Neukirchen kam (sein Bruder heiratete die Schwester von Monsignore Josef Krottenthaler) zu verdanken: Es dürfte das Jahr 1946 gewesen sein, als der damalige Neukirchener Pfarrer Josef Krottenthaler berichtete, dass die Amerikaner aus dem Glockenfriedhof in Hamburg ein Glockengussmaterial für die Kirche in Neukirchen b. Hl. Blut bringen werden. Es wäre der Ausgleich dafür, dass während des Krieges viele Glocken aus den Dörfern geholt und für Kriegszwecke verladen wurden. Der Lkw fuhr nicht direkt nach Neukirchen, sondern brachte das Kupfer nach Eidengrub bei Michelsneukirchen zu Verwandten des Pfarrers. Hubert Kerscher erinnert sich an das Umladen der Barren auf einen Pferdewagen und dass auf dem Weg zum Hof auch noch ein Rad brach. Jedenfalls wurde das Kupfer dort versteckt. Einen Teil der Kupferbarren holte Monsignore Krottenthaler 1948/49, den Rest dann bei der Übergabe der Pfarrei an Pfarrer Ulrich Murr im Jahr 1972. Zwei oder drei Barren „zweigte“ Josef Krottenthaler ab, um für seine Heimatkirche in Dörfling eine Glocke gießen zu lassen, denn auch dort wurden 1943 zwei Kirchenglocken zu Kriegszwecken abgeholt. So waren es also 15 Kupferbarren, die den Weg nach Neukirchen fanden. Aus dem ursprünglichen Plan, eine ganz große 60-Zentner-Kirchenglocke gießen zu lassen, ist aus statischen Gründen (die jetzige große Glocke wiegt 30 Zentner) nichts geworden, weil der Neukirchner Kirchturm sie nicht tragen konnte. So wurden die Barren eingelagert, bis sich Pfarrei und Marktrat vor zwei Jahren entschlossen, der Gemeinde Loucim zum Jubiläum drei davon zu schenken. Damit will man nicht nur die Gemeinsamkeiten der beiderseitigen Wallfahrt sondern auch die gut-nachbarschaftlichen Beziehungen unterstreichen, die seit 30 Jahren durch die offene Grenze zu Bayern und Böhmen gefeiert werden können. Ein rührseliger Moment war die Erhebung der neuen gesegneten Glocke, die durch gefühlvolle Lieder des Hohenbogenchores sowie einer Gesangsgruppe aus Loucim eine besondere Note erfuhr.

 

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Neben Sängern aus Loucim glänzte der Hohenbogenchor aus Neukirchen mit Gesangsbeiträgen

 

Unter kräftigem Applaus der umstehenden Zuschauer hievten die Techniker der Südböhmischen Glockengießerei das mit frischem Weinlaub dekorierte Prachtstück in den Turm der Pfarrkirche von Loucim.

 

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Am Seilzug und gesichert von der Feuerwehr wurde die Glocke auf Höhe des Turmfensters gekurbelt

 

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Unter dem Applaus der Zuschauer wurde das Schwergewicht in den Glockenturm gehievt

 

Und so läuteten die Glocken der Heimat um 16 Uhr erstmals gemeinsam den Sonntag ein. Im Anschluss daran folgten die Gäste beider Nationen der Einladung der Gemeinde Loucim zur gemeinsamen Freundschaftsfeier mit Bewirtung auf dem Sportplatz hinter dem Pfarrhof, zu der auch die Nachbargemeinden Chodská Lhota, Libkov und Kdyně finanziell beigetragen haben.

 

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Altbürgermeister Hubert Kerscher mit Ehefrau (links) schwelgt in Erinnerungen am Neukirchner Ehrentisch

 

Großer Dank galt der Spende und Unterstützung der Marktgemeinde Neukirchen b. Hl. Blut sowie dem Hohenbogenchor für die würdige musikalische Umrahmung des Festaktes. Damit wurde ein weiterer Stein im multiplen Mosaik der Völkerverbindung gesetzt.

Fotos und Text von Helga Brandl